Lauberhornrennen im Sommer

Max Triet
Einführung

Das Lauberhornrennen ist neu erfunden worden

Die spektakulärste und längste Abfahrtsstrecke im internationalen Skisport am Lauberhorn ist längst zur Ikone geworden. Das Gedächtnis verbindet mit ihr unvergessliche Erlebnisse, freudige und tragische Augenblicke. Ihre markanten Abschnitte tragen geschichtsträchtige Namen, die an Siege und Niederlagen, spektakuläre Szenen und folgenschwere Stürze anknüpfen. Jeder Streckenabschnitt ist mit starken Erinnerungen gepflastert und jede Bezeichnung, vom «Russi-Sprung» über die «Minsch-Kante» bis zum «Ziel-S» ruft historische Episoden wach. Die Insider, die die Lauberhornabfahrt live oder am Bildschirm verfolgen, vielmehr aber die Skirennfahrer, kennen die schnellen und langsameren, die einfacheren und die tückischeren Abschnitte, die in ihrer Abfolge analysiert und optimal gefahren werden wollen. Die unmittelbare Optik aber erlebt nur der Abfahrer selbst. Er ist es, der seine Ideallinie wählt, der sie meistert oder verfehlt, wobei Trainingsstand, Studium der Piste, Tagesform, Klugheit und Draufgängertum im richtigen Mass gefragt sind. Mit ungeheurem Aufwand und grossem Sachverstand wird die Lauberhornstrecke alljährlich neu angelegt, im Weiteren sorgen auch Schneeverhältnisse und Witterung für stetigen Wechsel.
Daniel Zimmermann ist es gelungen, diesem einzigartigen Phänomen, das seit 1930 die Skiwelt prägt, mit den Mitteln der Land-Art buchstäblich auf die Spur zu kommen. Durch Reduktion auf das Wesentliche und durch bewusste Verfremdung, d.h. mit der Verlegung in den Sommer, erschafft er das Lauberhornrennen neu. Die Piste wurde analog zum Winter frisch angelegt: 10000 hölzerne Gipserleisten markierten die von Heinz von Allmen und Bernhard Russi bestimmte Ideallinie vor dem Kontrast der grünen Alpweiden.
Die Rennstrecke ist aus der Perspektive des Zuschauers und aus jener des Rennfahrers, also auf zwei Arten visuell festgehalten. Die Stereoskopie-Aufnahmen zeigen die hölzerne Ideallinie mittels 3-D-Viewern von Standpunkten neben der Piste. Für den Film wurde die ganze Strecke mit der Kamera Schritt um Schritt abgelaufen und dann im Zeitraffer zur Bestzeit mit Streckenrekord komprimiert.
Mit der Stereoskopie-Kamera wurde die ganze Strecke Schritt um Schritt aus dem Blickwinkel des Skirennfahrers kontinuierlich erfasst, um dann im Film mittels Zeitraffer zur Bestzeit mit Streckenrekord komprimiert zu werden. Die unterlegte Stimme des Speakers aus dem «richtigen» Rennen vermittelt höchste Aktualität: Der sonst zur Passivität verurteilte Zuschauer wird hier zum Akteur, eins mit dem Künstler saust er vom Start zum Ziel und erlebt die Rennstrecke mit ihren rasch wechselnden Partien hautnah. Sowohl im Film als auch in den einzelnen Viewern, die an signifikanten Punkten vor Ort aufgestellt werden, entsteht die Installation des Rennens als Illusion oder virtuelle Realität aufs Neue. Auf diese Weise werden die Rennstrecke und die Abfahrt für jedermann als Ganzes oder streckenweise erlebbar. Lösgelöst von der Austragungzeit führt uns das Lauberhornrennen im Sommer zum tieferen Verständnis der Königin der Skiabfahrtsrennen. Darin liegt die Quintessenz dieser anspruchsvollen Inszenierung, die auf Langzeitwirkung angelegt ist.

Max Triet
alt Direktor Schweizerisches Sportmuseum Basel.